"rheinverliebt"   in Basel

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Ein Theaterlabyrinth    im Basler Rheinhafen 

Bernoulli-Silo - Für Kinder und Erwachsene

Anlass: 30 Jahre Vorstadt-Theater Basel

Regie: Marlis Hirche, Oliver Dassing

Ausstattung: Klemens Kühn

Beratung: Barbara Lüem †

Zeitraum vom 20.3. - 30.4.2004

MITWIRKENDE: Sibylle Burkart, Ricki Edens, Julius Griesenberg, Gerd Imbsweiler †, Roman Mäder, Ruth Oswalt, Nora von der Mühll, Michael Studer, Kerstin Lorenz, Oliver Dassing, Romeo Stradiotti und Peter Jones


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Im Basler Rheinhafen herrscht rege Betriebsamkeit. Container werden in die Luft gehievt, ein Schiff tutet, in den Lagerhallen stapeln sich die Waren. Zu unserem dreissigjährigen Jubiläum verlassen wir für einmal unserer Räumlichkeiten und brechen auf... Am Ufer des Rheins, am Hafenbecken 1, in einer Lagerhalle im Bernoulli-Silo – einem der schönsten und ältesten Gebäude im Hafen – werden 18 Kajüten errichtet, die von SchauspielerInnen, MusikerInnen, SängerInnen und sonstigem Schiffspersonal bespielt werden. Die Besucher bewegen sich durch einen labyrinthen Schiffskörper, sehen und hören wahre und erfundene Geschichten von der Rhein- und Hochseeschifffahrt: Da ist der Alte, der minutiös notiert, was sich auf seinem Lebensweg zwischen Basel und Rotterdam alles ereignet hat; da ist die junge Frau, die von ihrem Matrosen und so vom Aufbruch in die Ferne träumt, da ist die Schiffersgattin, die sich nach dem Festland sehnt. Und schliesslich fehlt auch nicht Frau Rhein, die ihrem Gatten die Treue hält – wohin er auch fliesst. Ein rheinverliebtes Theater-abenteuer, angesiedelt zwischen den Bündner Alpen und der Südsee.

Zum  Schifffahrtprojekt

Die Grundidee:

Zu seinem dreissigjährigen Jubiläum im Frühjahr 2004 plant das Vorstadt-Theater Basel ein ganz besonderes Ereignis. In einer Art theatralischer Installation soll die Geschichte der Schweizer Hochsee- und Rheinschifffahrt Thema werden, und damit ein wichtiger Teil der Basler Stadtgeschichte. Ort des Geschehens ist kein Theater, sondern ein Raum im Hafen selbst: Der grosse Lagerraum im 1.Stock des Bernoulli-Silos, eines der schönsten und ältesten Gebäude des Hafens. In ca. 20 bis 25 kleinen Räumen, labyrinthähnlich aufgebaut, können die ZuschauerInnen sich in den ca. 3 h Öffnungszeit selbstständig durch eine Theaterlandschaft bewegen, in der mit Objekten, Geschichten, Spiel, Musik, etc., Ereignisse aus der Geschichte der Rhein- und Hochseeschifffahrt und dem Leben der Rheinschifferfamilien dargestellt werden. Das Projekt wird nicht nur mit professionellen Schauspielern und Künstlern realisiert, sondern ebenso mit Rheinschiffern und Seemännern und deren Familien aus Kleinhüningen, die mit ihren Erinnerungen und Erlebnissen direkt in das Theaterstück einbezogen werden. Diese Jubiläumsproduktion ist gleichzeitig die Eröffnungsproduktion des «Blickfelder-Theater-Festivals für ein junges Publikum» und findet zudem im Jahr des hundertjährigen Bestehens der Basler Frachtschifffahrt statt. 1904 brachte das Rheinschiff „Christine“ die erste Ladung Kohle nach Basel.

Das Thema: Die Schweizer Hochsee- und Rheinschiffahrt

Das Meer und seine Weite, der Fluss und sein Fliessen, die Sehnsucht nach Aufbruch, fremden, fernen Welten charakterisieren auch heute noch Bilder, Fantasien und Emotionen zur Fluss- wie Hochseeschifffahrt. Und dies bei etlichen Landratten ebenso, wie bei gestandenen Hochseefahrern. Das Thema fasziniert, löst Begeisterung aus quer durch die Generationen. Auch der Hafen von Basel, seine Verbindung zur Welt, hat gerade in einem Binnenland, dessen Topografie und Identität sich vor allem über Berghöhen und nicht Meerestiefen definiert, eine ganz besondere Anziehung. Das gilt insbesondere für Basel, immerhin ist der Rhein bis zur Mittleren Brücke internationales Gewässer. Basel und die Welt gehen in dieser Thematik eine ganz eigenwillige und für die Schweiz sicherlich ungewöhnliche Liaison ein. Dieser besonderen Faszination der Schiffahrt werden wir in dem Projekt nachspüren. 

Doch mit dem Leben auf See oder auf dem Fluss sind nicht nur romantische Bilder verbunden. Die mittlerweile 100jährige Frachtschifffahrtsgeschichte des Basler Rheinhafens ist auch ganz wesentlich ein Stück Industriegeschichte der Schweiz, in der sich viele zeitgeschichtliche Entwicklungen des letzten Jahrhunderts festhalten lassen. Auch dies wird Thema des Theaterprojektes. Wichtig sind uns jedoch auch die vielen konkreten persönlichen Geschichten von Menschen, die ein Grossteil ihres Lebens auf dem Wasser verbracht haben. Ihre aussergewöhnlichen und eigenwilligen Lebensumstände, ihre z.T. nahezu absurden und grotesken Erfahrungen sind ein nahezu unerschöpfliches theatralisches Reservoir, dem wir in diesem Projekt einen Platz geben wollen. Dabei geht es nicht darum  Sozialgeschichte zu betreiben, sondern theatralisch überhöht, verfremdet, zugespitzt, Lebensentwürfen und Erfahrungen Ausdruck zu verleihen.

Ganz besonders freuen wir uns, dass wir Barbara Lüem für dieses Projekt begeistern konnten. Sie hat im Frühjahr 2003  in dem wunderschönen Band „Heimathafen Basel“ ihre Recherchenarbeiten zur Schweizer Rhein- und Hochseeschifffahrt veröffentlicht. 

VieleGeschichten konnten jedoch keinen Eingang in dieses Buch finden, Geschichten, die nun z.T. ihren Platz in unserem Theaterprojekt haben.

Zur Umsetzung:

Theater bedeutet Geschichten erleben. Die Intensität und Besonderheit dieses Erlebnisses wird durch ein Zusammenspiel vielerlei Faktoren bestimmt. In diesem Projekt des Theaterlabyrinths wird die traditionelle Form des Theaters in mehreren Punkten aufgebrochen, die eine ganz besondere Kommunikation zwischen KünstlerInnen und Publikum ermöglichen. Die wesentlichen Aspekte seien hier kurz benannt:

1. Der Raum: Der Bernoulli – Silo 

Der Veranstaltungsraum ist kein neutraler oder repräsentativer Raum wie sonst üblich, sondern auch heute noch Lagerraum de RHENUS-Reederei. Er selbst ist Teil der Geschichte, die in ihm inszeniert wird. Dieser besondere Ort ist somit nicht nur charmante Verpackung, sondern Gegenstand des Theaterprojektes.

2. Der Weg zum Bernoulli – Silo

Der Weg zum Theater ist in diesem Projekt der Weg in den Hafen. Für das Publikum bedeutet die ungewohnte Fahrt bereits eine Annäherung an das Thema. Wenn möglich, sollten die ZuschauerInnen ab der Mittleren Brücke mit dem Boot das Silo erreichen können.

3. Die Aktivität des Zuschauers

In dem Theater-Labyrinth ist die klassische Zweiteilung von Bühne und Tribüne, Akteur und Zuschauer aufgelöst zu Gunsten einer Theaterform, in der der Zuschauer seinen Weg durch das Labyrinth selber bestimmt. Er bestimmt auch die Länge der Verweildauer vor den einzelnen Stationen, seine Nähe, seine Distanz.

4. Die Rolle des Schauspielers

Auch der Schauspieler bewegt sich nicht in dem anonymisierten Bereich der Bühne, sondern ist dem direkten Kontakt des Publikums ausgesetzt; er muss dessen Aktionen in sein Spiel mit einbeziehen. Zudem ist seine Rolle nicht zu vergleichen mit einer fixen, festgelegten Person im Rahmen einer klassischen Bühnengeschichte:Er ist gezwungen während der ca. drei-stündigen Öffnungszeit seine Rolle in repetitiven aber auch variierenden, die Reaktionen des Publikum z.T. einbeziehenden Schlaufen zu spielen.

5. Der intime Raum

Während bei grossen Events der einzelne Zuschauer in der Masse verschwindet, der Schauspieler auf Distanz bleibt, wird hier ein umgekehrter Prozess eingeleitet: Zuschauer und Akteure teilen, ohne ihre grundsätzlichen Rollen zu verlassen, einen gemeinsamen intimen Raum.

6. Interdisziplinarität

Das Theaterstück wird von verschiedenen Künstlern  - Musikern, Schauspieler, bildenden Künstlern, etc. - wie auch dem Thema durch ihr Leben verbundenen Menschen gestaltet. Diese besondere Form der verschiedenen künstlerischen Sprachen ermöglicht auch dem Publikum unterschiedliche Zugangsweisen zu den erzählten Geschichten. Dieses Projekt richtete sich gerade nicht an ein exklusives Theaterpublikum.

7. Regie und Ausstattung

Für diese Projekt konnten die Regisseure Marlis Hirche und Oliver Dassing sowie der Ausstatter Klemens Kühn gewonnen werden. Im Thalia-Theater Halle haben sie bereits zwei ähnliche Projekte realisiert. «Das verrückte Kaufhaus» (2002) und «Das verrückte Kino» (2003)  haben ebenfalls an einem besonderen Ort der Stadt Halle die Geschichte eben dieses Ortes thematisiert. Ihre Erfahrungen fliessen nun in das Hafenprojekt ein.

8. Eine Familienproduktion

Wie viele Produktionen des Vorstadt-Theaters richtet sich auch diese sowohl an Erwachsene als auch an Kinder. Das Thema sowie dessen Umsetzung ermöglichen eine nach Alter differierende Zugangsweise zum Thema Schiffahrt. Es fanden sowohl Abend- wie auch Schulvorstellungen statt.

Kontakt: Vorstadt-Theater Basel, St.Alban-Vorstadt 12, www.vorstadt-theater.ch


Unterstützt von: Kanton Basel, Kanton Basel-Landschaft, Lotteriefond Basel-Stadt, Lotteriefond Basel-Landschaft, Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige Basel, , Scheidegger-Thommen-Stiftung


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